Auswirkungen auf Koordination und Technik

Das angemessene Aufwärmen hat einen positiven Einfluß auf das nervöse System und damit auf die gesamte sportliche Leistung, denn vom nervösen System hängt die technische Koordination innerhalb einer Sportart ab. Die Erhöhung der Körpertemperatur setzt die Empfindlichkeit der Sinnesrezeptoren (-empfänger) herab und beschleunigt die Weiterleitung der nervalen (die Nerventätigkeit betreffenden) Impulse. Körperliche Empfindungen (Sinneswahrnehmungen) werden sensibler wahrgenommen und schneller weitergeleitet. Obwohl diese Tatsachen schon seit langem bekannt sind, blieben die damit verbundenen positiven Wirkungen auf die motorischen Lernprozesse in der Sportpraxis lange Zeit fast unbeachtet. Spezifische Reflexe und die technisch korrekten Bewegungsabläufe müssen in den jeweiligen Sportarten zu Beginn des Trainings und Wettkampfes "eingespielt" werden. Mit fortschreitendem Aufwärmen wird das Wahrnehmen und Reagieren optimiert. Damit dieses Ziel erreicht wird, müssen die Bewegungsabläufe in ihren räumlichen und zeitlichen Verläufen der anstehenden sportlichen Tätigkeit ähneln oder entsprechen. In die Tat umgesetzt, bedeutet das die Präferenz des spezifischen Aufwärmens.

 

Untersuchungen haben gezeigt, daß spezielles Aufwärmen, also auf die Sportart bezogenes Aufwärmen, die Leistungen positiv beeinflußt. Unspezifisches, nicht disziplinbezogenes Aufwärmen läßt sich in den technisch betonten Sportarten in erster Linie auf nervöse (koordinative) Anpassungen zurückführen. Besonders vor technisch anspruchsvollen Trainings- und Wettkampfinhalten ist auf ein dementsprechend geplantes und durchgeführtes Aufwärmen zu achten.

 

Im Rahmen eines Aufwärmprogramms müssen alle spezifischen Bewegungsabläufe, die für die jeweilige Sportart typisch sind, durchgeführt werden. Nur so kann während des Trainings bzw. Wettkampfs das individuell optimale technische Leistungsvermögen erreicht werden.

 

Zu diesen positiven Wirkungen trägt ebenfalls die "Tonisierung" der Muskulatur bei. Durch ein Anregen der nervösen Prozesse wird die Muskulatur tonisiert; es wird eine Erhöhung des Spannungszustandes der späteren Arbeitsmuskulatur erzielt. Die Muskel- und Sehnenreflexe sind mit Beginn der sportlichen Tätigkeit eingespielt, der Muskel kontrahiert schneller (zieht sich schneller zusammen) und ist damit leistungsfähiger und verletzungsunanfälliger als ein unvorbereiteter Muskel, der nur "gestretcht" wurde und dann (im schlimmsten Fall) schnellkräftigen oder unvorhersehbaren Belastungen ausgesetzt wird.

 

Beim Abwärmen ist darauf zu achten, daß z.b. eine intensive "Lernstunde" zur Entwicklung technisch-koordinativer Fähigkeiten nicht durch andere, dem Hauptinhalt entgegengesetzte Inhalte abgeschlossen wird. Die Lerneffekte können vermindert werden, postmentale Erregungen werden unterdrückt.

Auswirkungen auf die Psyche

Eigentlich ist die Überschrift nicht ganz richtig, denn es könnte genausogut heißen: Der Einfluß der Psyche auf den Prozeß des Aufwärmens. Es gibt Situationen, die Sie sicher auch kennen: Man kommt nicht "auf Touren", an manchen Tagen "geht rein gar nichts". In solchen Situationen scheinen u.a. Streß und mit Streß gekoppelte veränderte hormonelle Bedingungen eine Rolle zu spielen - das Aufwärmen muß auch die psychischen Randbedingungen berücksichtigen. Das Aufwärmen soll zu einer psychischen Aktiviertheit führen, zu einem Zustand der Wachheit. Wenn dieser Zustand erreicht ist, dann ist der Sportler bereit und in der Lage zu lernen, zu üben und Leistung zu erbringen. Die Leistung erreicht dann ein Maximum, wenn ein mittlerer psychischer Aktiviertheitsgrad besteht. An dieser Stelle wird deutlich, daß das Aufwärmen nicht nur aus körperlicher Tätigkeit bestehen kann. Das Motivieren, ob sich selbst oder durch einen Trainer, gehört ebenso dazu, wie bei besonders "aufgeregten" Sportlern voller Startfieber das gezielte und dosierte Beruhigen.

 

Die "allgemeine Aktivierung" bewirkt eine Gewöhnung an die Lernsituation, fördert die Einstellung und weckt die Leistungsbereitschaft. Die "spezifische Aktivierung" verfolgt das gleiche Ziel, ist aber an die Konstellation, die Struktur der Aufgabe, gebunden, die gelernt werden soll. Besonders bei koordinativ anspruchsvollen Sportarten ist ein spezifisches Aufwärmen und Einstimmen auf anstehende Anforderungen von größter Wichtigkeit. Es dient der Verbesserung der speziellen Leistungsbereitschaft, das "Lernsystem" wird aktiviert, der Sportler lernt besser und schneller, und die Leistung in Training und Wettkampf wird nach einem solchen spezifischen Aufwärmen positiv beeinflußt.

 

Bei Wettkämpfen kommen noch einige besonders auf die Psyche wirkende Faktoren hinzu. Der Sportler muß sich mit dem Wettkampfort, der Wettkampfstätte, mit der Ausrüstung, seinen Gedanken und Gefühlen auseinandersetzen. Ebenso befaßt sich der Sportler mit seinen Partnern, seinen Mannschaftskollegen und mit seinen Gegnern. Die "geistige" Auseinandersetzung mit den anstehenden Leistungsanforderungen vor dem Wettkampf beeinflußt ebenfalls die Leistung des Sportlers im Wettkampf.

 

In der sportlichen Praxis, in der Betreuung von Sportlern, kann man häufig erleben, daß Sportler zu negativ eingestellt sind: "Das kann ich nicht" ... "der Gegner ist zu stark" ... und andere negative Vorstellungen schaffen subjektive Realität, der sich die objektive Realität fast unweigerlich anpaßt. Wenn Sie als Trainer oder Athlet solche Einstellungen entwickeln, dann sollten Sie schleunigst gegensteuern, um nicht "negativ motiviert" zu sein und dadurch Ihre volle Wettkampfleistung niemals voll ausnutzen können.

Auswirkungen auf die Gewebearten & Gelenkfunktionen

Beim Aufwärmen spielt für das Bindegewebe die planmäßige Erhöhung der Körpertemperatur eine bedeutende Rolle. Die schon beim Herz-Kreislauf-System feststellbare Trägheit, die für jedes biologische Regulationssystem typisch ist, ist beim Bindegewebe noch ausgeprägter. Das zeigt sich in der langsameren Umstellung vom Ruhezustand auf den Belastungszustand, der dadurch gekennzeichnet ist, daß höhere mechanische Belastungen toleriert werden. Erst bei einer Temperatur von 39 –40 Grad Celsius ist eine optimale Zunahme der Elastizität und Plastizität (Formbarkeit) der kollagenen (stark quellender Eiweißkörper in) Fasern zu erwarten, was für alle Formen des Dehnens, aber auch für sonstige mechanische Belastungen eine Rolle spielt.

 

Bei jeder sportlichen Belastung unterliegen die Gelenke, und hier besonders der gelenküberziehende Knorpel, und die Wirbelsäule, hier besonders die bindegewebigen Bandscheiben sowie die kleinen Wirbelgelenke, hohen Belastungen. Der Sportler muß wissen, daß das Vorbereiten des Knorpels auf die anstehenden mechanischen Belastungen durch die geringere Stoffwechselgeschwindigkeit des Knorpels länger dauert als das Vorbereiten der Muskulatur. Bindegewebe, aus denen der gelenküberziehende Knorpel und die Bandscheibe bestehen, werden im Erwachsenenalter fast ausschließlich durch Diffusion (ohne äußere Einwirkung) ernährt.

 

Die Gelenkflüssigkeit (-schmiere), wird in der jedes Gelenk umspannenden Kapsel, und zwar von der zarten Innenhaut, gebildet. Erst wenn das Gelenk über einen Mindestzeitraum (mehr als 5 Minuten) bewegt worden ist, wird vermehrt die knorpelernährende Gelenkflüssigkeit gebildet, der gesamte Gelenkstoffwechsel kommt in Gang. Um das Ziel der Verbesserung und Vorbereitung des Gelenkstoffwechsels auf die anstehende Belastung zu erreichen, werden intermittierende, wechselnde Belastungen eingesetzt.

 

Im Rahmen des Abwärmens sollte dem gelenküberziehenden Knorpel und den Bandscheiben gezielt eine mehrminütige Entlastung verschafft werden.

 

Es empfehlen sich Maßnahmen, durch die die Flüssigkeitsaufnahme der Bindegewebsanteile bewirkt und beschleunigt wird. Die inhaltlichen Maßnahmen des Abwärmens ähneln denen des Aufwärmens. Intensitätsgemindertes Durchbewegen aller Gelenke bewirkt einen verstärkten Gelenkstoffwechsel mit all seinen positiven Folgen. Nach sehr starken Gelenkbelastungen bietet sich im passiven Bereich des Abwärmens die gezielte Einnahme von entlastenden Körperhaltungen besonders an. Diese Maßnahmen sind ganz besonders im Sinne der langfristigen, positiven Leistungsprognose wirksam, tragen zur Verhütung von Spätschäden an den Gelenken und der Wirbelsäule bei und eröffnen mittel- und langfristig eine positivere Leistungsprognose.