Psychische Aspekte

Ausnahmesituationen im Spiel

Grundsätzliches

Wer von uns hat das noch nicht erlebt? In einer Partie führt man mit 10 zu 4, aber am Ende hat der Gegner das Spiel gewonnen. Andererseits gewinnen wir Spiele, in denen wir scheinbar hoffnungslos zurückliegen. Im ersten Fall sagen wir vielleicht, dieses Spiel hätten wir nicht verlieren dürfen, im zweiten Fall jubeln wir und behaupten: "Hätten wir von Anfang an richtig gespielt, wären wir gar nicht erst in Rückstand geraten!"

 

Ein besonders selbstkritischer Spieler akzeptiert vielleicht nach einem solchen Krimi, daß ihm Fortuna zur Seite gestanden haben muß. Doch allein mit "Glück" läßt sich wohl kaum erklären, warum hohe Vorsprünge oft eingebüßt und hohe Rückstände aufgeholt werden.

 

Was muß ein Spieler/ein Team tun, um Rückstände wettzumachen oder um Vorsprünge zu verteidigen? Die Erklärungsversuche betreffen ein heikles Thema und sind sensibler Natur: sie beziehen sich primär auf die individuelle Psyche und sekundär auf deren Auswirkung auf die individuelle Technik und Taktik. Es soll hier ansatzweise versucht werden, diese komplexen Zusammenhänge systematisch zu erfassen, zu beschreiben und zu analysieren. Je nach Spielformation (Tête-á-tête, Doublette, Triplette) ist hierbei ebenfalls zu differenzieren.

 

Grundsätzlich kann man jedoch 6 Gebote für eine erfolgreiche Verteidigung bzw. für eine gelungene Aufholjagd zu Grunde legen, von denen der Tête-Spieler nur die ersten 5 zu beachten hat, da er mit niemandem seine Position wechseln kann:

  1. Entspannung
  2. Durchdachtes Spieltempo
  3. Offensive zur Verteidigung
  4. Punktsicherung
  5. Taktisches Legen
  6. Positionswechsel

 

Das Tête-á-tête steht am Anfang der Überlegungen, weil hier der Akteur auf sich allein gestellt ist und "nur" das eigene Spiel der jeweiligen Situation anpassen muß. Es handelt sich um eine extreme Form des Spiels, da keine Hilfestellung durch Mitspieler erfolgen kann. Gleichwohl ist das Tête die einfachste Form des Boule-Spiels, da nur drei eigene und drei gegnerische Kugeln in die Überlegungen einbezogen werden müssen. Der Einzelspieler ist hier nicht von der "Spielform" anderer Mitspieler abhängig.

 

Das Tête-á-tête ist die Grundform des Pétanque. Nur Spieler, die alleine gut spielen können, weil sie ein ausgewogen spielerisches Vermögen - im Hinblick auf Technik und Taktik - und Nervenstärke aufweisen können, sind meist verläßliche Tête-Spieler. Ein solcher Spielertyp muß deshalb nicht zwangsläufig ein Egomane, ein autarker Individualist sein. Nein, auch das Gegenteil kann der Fall sein: mit seinem Vermögen und seiner Erfahrung ist er auch optimaler Teamspieler im Doublette oder Triplette.

 

Spielen Sie also desöfteren im Training Tête-á-tête! Durch dieses Übungsspiel können Sie gezielt die schon angesprochenen Fähigkeiten schulen. Durch die Gewöhnung an Rückstände, und hoffentlich auch an Vorsprünge, können Sie lernen, besser mit diesen umzugehen. Da Ihre Psyche immer mit Ihnen ist, also immer mitspielt, gewöhnt auch sie sich an diese Situationen. Sie werden sich im Laufe der Zeit ein Verhaltens- und Reaktionspotential erarbeiten, das Ihnen dann auch im Wettkampfspiel zur Verfügung steht. Sie werden automatisch reagieren und dadurch mehr Zeit für die speziellen Momente eines jeden Spiels aufbringen können.