Psychische Aspekte

Ausnahmesituationen im Spiel

Rückstände aufholen

Liegt ein Team bzw. ein Spieler zurück, so muß - vorausgesetzt, der Gegner spielt genau so gut weiter, wie bisher - das eigene Spiel umgestellt und optimiert werden, um eine Aufnahme zu gewinnen.

 

Der Gewinn einer Aufnahme ist die Grundvoraussetzung und Ausgangspunkt für das Ergreifen unterschiedlicher Alternativen zur Verbesserung des eigenen Spiels.

 

Wie können diese Möglichkeiten der Optimierung aussehen? Begleiten Sie mich nun - in Ihrer Phantasie - hinein in eine Partie, in der ich scheinbar aussichtslos zurückliege!

 

Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich mich gedanklich in diesem Spiel nur mit meiner "schlechten" Spielweise auseinandergesetzt. Ich sollte nun versuchen, meine Gedanken zur Entspannung auf andere Themen und/oder Gegenstände zu lenken. Da ich für autogene Maßnahmen kaum die nötige Zeit habe, kann die Kontaktaufnahme mit Zuschauern Ersatz bzw. Ablenkung sein.

 

Habe ich bisher schnell gespielt, so kann ich mein eigenes Spieltempo, natürlich nur im Rahmen der Ein-Minuten-Regel, verlangsamen. Ich kann mir also bis zu einer Minute Zeit lassen, meine nächste Kugel zu spielen. Hierdurch gelingt es mir vielleicht, besser als im bisherigen Verlauf der Partie, meine Kugeln präziser zu spielen. Eine Beschleunigung des eigenen Spiels ist nur selten ratsam, weil dadurch meistens die Konzentration auf den einzelnen Wurf leidet und nicht immer alle taktischen Alternativen ausreichend bedacht werden können.

 

Eine besondere technisch-taktische Variante wäre denkbar: die totale Offensive. Sie ist einerseits scheinbar die logischste, andererseits jedoch die am schwierigsten zu realisierende Möglichkeit. Ich müßte versuchen, die nächste Aufnahme mit drei Treffern, die alle als Punkte für mich liegen bleiben, zu gewinnen. Diese Variante kann ich natürlich nur dann in Angriff nehmen, wenn ich mir ernsthaft zutraue, dreimal zu schießen und auch dreimal zu treffen. Nur geübten Tireuren und Milieus steht dieser Weg offen. Aber selbst für diese Könner ergibt diese Taktik nur Sinn, wenn der Boden es zuläßt, mit der eigenen Schußkugel besser liegen zu bleiben, als die geschossene Kugel. Habe ich im bisherigen Verlauf der Partie schlecht geschossen, so sollte diese Variante nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden.

 

Habe ich - im Gegenteil - bisher schon einige Chancen auf Punkte durch Fehlschüsse verpaßt, so sollte ich jetzt versuchen, gut zu legen; also auch im Kugelvorteil den vermutlich sicheren Punkt zu machen. Denn ich sollte nie mein allernächstes Ziel aus den Augen verlieren: den Gewinn der nächsten Aufnahme. Sollte mir dies nämlich nicht gelingen, so wird meine Ausgangsposition nur noch weiter verschlechtert.

 

Hat der Gegenspieler bisher gut geschossen (vielleicht sogar mit Carreaus), so muß ich versuchen, meine Kugeln (durch taktisches Legen) so zu pointieren, daß mein Kontrahent nur noch sogenannte "schwere" Schüsse zu absolvieren hat:

  •  Legt der Gegner seine erste Kugel vor die Sau, so muß ich versuchen, meine Kugeln hinter der seinen zu plazieren. Um sich Platz zu verschaffen, muß der Gegner nun schießen. Leicht bleibt dabei einmal ein Schuß zu kurz, und er hat seine eigene Kugel getroffen. Ist der Schuß zu lang, so bleibt meine Kugel im Spiel, und ich kann mir so vielleicht einen Vorteil erarbeiten.
  •  Legt der Gegner seine erste Kugel hinter die Sau, so muß ich versuchen, meine Kugel vor der seinen zu plazieren. Ein solches Devant macht es dem Gegner schwer, meine Kugel im weiteren Spielverlauf - ohne Gefahr für die seine - wegzuschießen.
  •  Legt der Gegner seine erste Kugel seitlich neben die Sau, so muß ich versuchen, meine Kugel entweder direkt hinter, oder direkt vor der seinen zu plazieren, weil ich davon ausgehen muß, daß er eine freiliegende Kugel schießen und treffen wird.

 

Wenn der Gegner seine Punkte auf einem bestimmten Abschnitt des Spielgeländes (im terrain libre) gemacht hat, mit dem ich bisher nicht zurecht gekommen bin, so sollte ich versuchen, die Sau auf einem anderen Terrainabschnitt zu plazieren, in der Hoffnung, dort besser zu spielen als mein Gegenüber. Eingeschränkt besteht diese Möglichkeit der Richtungsverlagerung auch im Carrée, indem ich die Sau z.b. diagonal auswerfe, wenn bisher immer senkrecht zur Grundlinie gespielt wurde. Bin ich allerdings ein Spezialist des Rollens und außer einem Rollabschnitt steht nur tiefer Schotter zur Verfügung, ich selbst kann aber keine hohen Portées spielen, so sollte ich auf einen totalen Wechsel verzichten. Vielleicht erkenne ich aber auf der Spielbahn einen Weg, der mir als Kompromiß genügt. Gerade dieses Verändern der Spielwege ist für Auseinandersetzungen auf Bahnen von großer Bedeutung. Zum einen wird die Optik verändert, zum anderen kann dadurch häufig das Spiel über eine Rinne provoziert werden, was naturgemäß - da mehrere Variablen zu beachten sind - komplizierter ist.

 

Umgekehrt ist zu verfahren, wenn ich mit dem schweren Terrain nicht fertig werde, das mir der Gegner aufzwingt. In einem solchen Match muß ich nach einfachen Bahnen suchen. Aus dem Schotter muß ich das Spielgeschehen auf eine glatte Fläche verlagern, von einem komplizierten Weg über eine Rinne hinweg zu einem einfacheren Weg in eine Rinne hinein, zumal ich dann durch meine erste Kugel den geraden Weg zur Sau optimal besetzen/zumachen kann.

 

Achten sollte ich auch auf den Abwurfkreis. Wenn ich diesen kleiner oder größer ziehe (im Rahmen des Reglements), kann ich ihn meinen Spielgewohnheiten anpassen. Im Carrée darf ich auf der Lot-Senkrechten der letzten Lage der Sau - nach beendeter Aufnahme - bis zur Grundlinie zurückgehen, wenn ich dadurch erreiche, daß der Anwurf der Sau bis zu 10 Meter erfolgen kann. Wichtig ist also auch - neben der Variation der Spielrichtung - die Variation der Spielentfernung. Ist der Gegner ein guter Tireur, so finde ich vielleicht eine besonders unebene Stelle als Abwurfkreis, die seinen Stand/sein Gleichgewichtsgefühl während des Schusses erschwert. Baue ich selbst mein Spiel auf guten Schüssen auf, so muß ich besonders darauf achten, daß ich im Kreis einen guten Stand finden kann.