Psychische Aspekte

Ausnahmesituationen im Spiel

Vorsprünge verteidigen

Vorsprünge zu verteidigen ist im Tête-á-tête genauso schwierig, wie das Aufholen großer Rückstände, weil jeder Spieler auf sich allein gestellt ist; eine Hilfe von außen steht nicht zur Verfügung. Habe ich einen Vorsprung, so wäre es fatal, wenn sich nun ein Kardinalfehler - einer von vielen, in diesem Falle aber ein besonders gravierender – einschleichen würde:

 

Ich denke an Unsicherheit. Dies wäre genauso falsch, als würde in mir das Gefühl von Überheblichkeit und/oder Arroganz erwachsen.

 

Über weite Strecken des Spiels habe ich eindeutig besser gespielt als mein Gegner. Plötzlich, von einer Aufnahme zur anderen, gelingt mir nichts mehr; ich verlege drei Kugeln. Aber auch drei verlegte Kugeln stellen noch keinen Weltuntergang dar. Ich besinne mich auf die 5 wesentlichen Punkte für eine Aufholjagd, denn für die Verteidigung eines Punktevorsprungs gelten genau die selben Punkte.

 

Zuerst versuche ich mich zu entspannen. Ich versuche, nicht mehr an die verkorkste Aufnahme zu denken. Ich konzentriere mich ausschließlich auf die anstehende Aufgabe: die nächste Kugel muß korrekt gespielt werden.

 

Hat mein Gegner durch drei Superschüsse brilliert und dadurch drei Punkte für sich verbuchen können, so sollte ich mich darum bemühen, meine Entspannung durch eine langsamere Spielweise zu fördern. Durch die Nutzung der mir zur Verfügung stehenden Zeit vermeide ich auch, daß mein Gegner in eine Art "Spielrausch" gerät.

 

Sollte ich versuchen wollen, meinen Vorsprung dadurch zu halten, indem ich das Schießen einstelle, um bei möglichen Fehlversuchen keine "toten" Kugeln zu riskieren, so werde ich mir damit keinen Gefallen erweisen. Ich kann einen Vorsprung nur dadurch halten, wenn ich versuche, meinen Gegner durch mein eigenes Spiel dazu zu zwingen, daß auch weiterhin jede Kugel von ihm gut gespielt werden muß. Ich schieße weiterhin die zwingend plazierten Kugeln, weiche somit nicht von meiner bisherigen Taktik ab, und erhöhe so den psychischen Druck, unter dem mein Gegenspieler ohnehin steht, da er sich im Rückstand befindet. Sollte ich also versuchen, auf zwingend gelegte Gegnerkugeln ebenfalls zu legen, so verlege ich möglicherweise, da ich meiner eigenen Spieltaktik untreu geworden bin. Ich werde versuchen, das Spiel unter meiner Regie zu beenden, indem ich mit einer mutigen, aber kontrollierten Offensive weiterspiele. So zwinge ich meinen Gegner auch weiterhin durch meine Aktionen zu Reaktionen.

 

Es liegt auf der Hand, daß ein verlorener Punkt den Gegner psychisch wieder etwas aufbaut:

  •  Fall A:

Ich habe einen Punkt liegen, der Gegner ist leer, d.h., er hat keine Kugeln mehr zu spielen. Ich jedoch habe die mögliche 13. noch in der Hand. Mit einem Schuß auf die hinter der eigenen Kugel liegende gegnerische Kugel könnte ich zwei, bei einem Carreau sogar drei Punkte machen. Der Abstand zwischen den beiden Kugeln beträgt ca. 12 cm. Weiterhin nehmen wir an, daß der Abstand zur Sau 1,20 Meter beträgt. Wenn ich durch ein Carreau in diesem Fall nicht gewinnen kann, also den 13. Punkt nicht erreichen kann, sollte ich den sicheren zweiten Punkt legen. Denn wenn ich schieße, riskiere ich immer, daß die eigene Kugel getroffen wird: 12 cm sind nicht viel bei einer Wurfdistanz von vielleicht 8 Meter, um genau zu sein, sind es gerade einmal 1,5 %, die ich von meinem Ziel nicht abweichen darf.

  •  Fall B:

Ich habe zwei Punkte liegen, der Gegner ist leer. Ich kann mit meiner letzten Kugel durch Legen einen dritten Punkt erreichen, aber die beste gegnerische Kugel liegt auch nur 3 mm schlechter als meine beiden Kugeln. Schlimmer noch, meine beiden Kugeln liegen hinter bzw. seitlich neben der Sau, die Kugeln des Gegners jedoch davor. Der Abstand der Kugeln zur Sau beträgt weniger als 20 cm und die Partie findet auf einem glatten Rollboden statt. Auch hier gilt: wenn ich das Spiel mit dieser letzten Kugel nur auf eine äußerst risikoreiche Art beenden kann, sollte ich mich mit den beiden schon erreichten Punkten bescheiden.

 

Bauen Sie Ihren Gegner nicht unnötig auf; spielen Sie nicht mit übertriebener Risikofreudigkeit weiter. Sichern Sie zuerst einmal die erspielten Punkte. Machen Sie sich bewußt, daß Sie es sind, der in Führung liegt!

 

Andererseits können natürlich Situationen auftreten, in denen mein Gegner zwar den Punkt hat, ich aber mit der letzten Kugel - durch einen schwierigen Schuß oder eine kompliziert zu legende Kugel - noch den Punkt für mich verbuchen könnte. In einem solchen Fall darf ich nicht zögern, das nötige Risiko einzugehen, denn, wenn ich auf dieses Risiko verzichte, behält mein Gegenspieler sowieso den Punkt.

 

Mein Ziel, als Erster 13 Punkte zu erreichen, kann ich aber nur realisieren, wenn ich - für die Erarbeitung eines Punktes - bereit bin, auch schwierige Kugeln zu spielen, die das Risiko in sich bergen, zu mißlingen. Gelingt diese gewagte Aktion jedoch, so gewinne ich nicht nur einen Punkt in dieser Aufnahme, sondern mein Gegner verliert auch einen Punkt. Mein Gegner gerät weiter in Rückstand und damit muß er auch ein weiter erhöhtes Risiko für sein eigenes Spiel ins Kalkül ziehen. Daß durch eine solche gewagte, aber gelungene Aktion, mein eigenes Selbstbewußtsein/Selbstvertrauen an Stärke gewinnt, ist ein äußerst positiver psychologischer Nebeneffekt.

 

Stellen Sie sich darauf ein, daß ein erfahrener, gut spielender Gegner bei hohen Rückständen alles versuchen wird, mit möglichst wenigen Aufnahmen den Rückstand zu verringern.

 

Schon beim Legen Ihrer ersten Kugel sollten Sie auch an die Möglichkeit einer Royal-Aufnahme denken. Unter dieser königlichen Aufnahme ist zu verstehen, daß eine Mannschaft auf jede gelegte Kugel der Gegenpartei schießt, um dadurch viele Punkte zu erzielen. Wenn Ihr Gegenpart ein überdurchschnittlich guter Tireur ist, sollten Sie erst recht an diese Möglichkeit denken. Dieses Bewußtsein wird Ihnen dann sehr wahrscheinlich wenig weiterhelfen, jedoch sind Sie dann auf jeden Fall noch bei Bewußtsein, wenn das Spiel schnell zu Ihrem Nachteil beendet ist.

 

Die erste Kugel einer Aufnahme ist die Sau. Wenn ich das Anwurfrecht besitze und in Führung liege, sollte ich sinnvollerweise auf meine längste Entfernung spielen. Die für jeden Akteur längste sinnvolle Entfernung ist so groß, wie der entsprechende Spieler erfahrungsgemäß auch sicher Legen und Schießen kann. Sie wissen von sich z.B., daß Sie bis 8 m eine ordentliche Trefferquote von 60 % haben, bei 9 bis 10 m aber nur noch etwa zu 40 % treffen. In einem solchen Fall sollten Sie die Sau nicht weiter als auf 8 m anwerfen, da Sie sonst auf gut gelegte Kugeln des Gegners nicht angemessen mit einem Schuß reagieren können. Die Wahl einer größeren Spielentfernung verringert die Wahrscheinlichkeit, daß Ihr Gegner drei Volltreffer landet, da mit der wachsenden Distanz auch die Fehlerquote steigt. Wenn eine solche Maßnahme nicht nötig ist - Ihr Gegner ist kein überragender Schütze - sollten Sie versuchen, auf Ihrer Lieblingsdistanz weiterzuspielen und bei einer Totaloffensive des Gegners die Maßnahmen des taktischen Legens unbedingt beachten.