Psychische Aspekte

Soziale Kompetenz zur Interaktion

Im Doublette und Triplette spielen Sie mit einem oder zwei weiteren Partnern, mit denen Sie sich abstimmen müssen. Dieses Problem der Abstimmung/der Absprache ist für viele Leser sicherlich besonders "reizvoll"!

 

Definitionen:

  • Sozial:
  • die menschliche Gesellschaft/Gemeinschaft betreffend, gesellschaftlich;
  • das Gemeinwohl betreffend, der Allgemeinheit nutzend;
  • auf das Wohl der Allgemeinheit bedacht, gemeinnützig, menschlich, hilfsbereit;
  • die gesellschaftliche Stellung betreffend;
  • gesellig lebend
  • Kompetenz:
  • das Vermögen;
  • die Fähigkeit
  • Interaktion:
  • aufeinander bezogenes Handeln zweier oder mehrerer Personen;
  • Wechselbeziehung zwischen Handlungspartnern

 

Ich belasse es bei den Definitionen der - auch im Pétanque-Sport, im Boule-Spiel relevanten - Begrifflichkeiten und überlasse es Ihnen, als Leser und Spieler, für sich daraus die nötigen Schlüsse zu ziehen. Sie sollten es jedoch nicht bei der gedanklichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik belassen, sondern auch versuchen, Ihre Schlußfolgerungen in Ihren Boule-Alltag einfließen zu lassen.

 

Auch wenn bei uns in Deutschland immer noch eine Vorliebe für das Doublette besteht, so soll hier hauptsächlich auf das Triplette eingegangen werden, da in dieser Teamformation, neben den technischen und taktischen Fähigkeiten des Einzelspielers, in sehr hohem Maße eben diese soziale Kompetenz zur Interaktion erforderlich ist – und dies stellt eine besondere psychische Fähigkeit des Einzelnen dar.

 

Vielleicht wird deshalb im Mutterland unseres Spiels, in Frankreich, neben dem Tête-á-tête das Triplette am höchsten eingestuft. Fast alle großen Turniere werden als Doublette ausgetragen. Auch die Weltmeisterschaften und der Nordsee-Cup sind Veranstaltungen, in denen Tripletten antreten. Wie stark verknüpft die Fähigkeiten des Einzelnen mit denen der Mannschaft sind, ist u.a. daran zu erkennen, daß der französische Pétanque-Verband für die Weltmeisterschaft 1993 ein Team aus drei der besten Tête-á-tête-Spielern des Landes, Briand (Meister 1993), LeDantec (Meister 1991 und 1992) sowie Loy (Vizemeister 1992 und 1993) nominierte. Dieses Team begeisterte beim Euro-Pétanque in Stuttgart 1993, wo es zum ersten Mal in dieser Besetzung antrat. Bei der Weltmeisterschaft in Thailand unterlagen die drei lediglich im Endspiel dem Team von Quintais.

 

Wenn sie erfolgreich und mit Spaß spielen wollen, sollten Sie deshalb dauerhaft zusammenspielen wollen. Gute Kontakte untereinander und ein Miteinander auf menschlicher Ebene sind hierfür jedoch eine Grundvoraussetzung.

 

Warum soll ich nicht mit Partnern antreten, die besser sind als ich? – könnten sie jetzt fragen.

 

Natürlich können Sie von besser spielenden Partnern profitieren. Sie werden schneller Fortschritte machen; Sie werden mehr Turniere gewinnen. Doch wenn ein solches Team einmal in die Situation gerät, einem hohen Punkterückstand hinterherzulaufen, dann werden Sie der Bremsklotz des Teams sein. Sie werden dafür verantwortlich sein, daß die notwendigen Absprachen nicht unter gleichwertigen Partnern getroffen und umgesetzt werden können. Zuschauer und Partner werden nicht umhin können, Ihnen einen großen Teil der Verantwortlichkeit für Niederlagen zuzusprechen. Sie werden in solchen Streßsituationen einen übergroßen Druck empfinden, den Sie dauerhaft nicht aushalten können.

 

Beachten Sie an dieser Stelle noch einmal die Ausführungen im obigen Kapitel über die Konzentration bzw. über die Probleme damit.

 

Werden Sie andererseits von besser spielenden Akteuren aufgefordert, mit diesen ein oder mehrere Turniere zu spielen, so sollten Sie nicht zögern! Diese Partner werden sicherlich pfleglich mit Ihnen umgehen und nur Dinge von Ihnen erwarten, die Sie auch realisieren können. Um Mißverständnisse zu vermeiden und niemanden zu überfordern, sollten Sie für jedes Spiel mit ihren Partnern die Marschroute vor Beginn der Partie festlegen: verschweigen Sie dabei auf keinen Fall ihre Fähigkeiten und Vorlieben! In diesem Zusammenhang ist es durchaus legitim, wenn Sie bei dieser Erklärung etwas "tiefer stapeln", um durch Erfolge selbst positiv gestärkt zu werden. Setzen Sie sich zu hohe Ziele und artikulieren diese auch noch, so kann das leicht zur Verkrampfung bei "Nichterreichen des selbst gesetzten Ziels" führen. Versuchen Sie also selbstkritisch und realistisch zu bleiben: bei einer zu hohen Erwartungshaltung ihrerseits, der Sie dann im Spielverlauf nicht gerecht werden sollten, leiden nicht nur Sie sondern auch ihre Mitspieler.

 

Sind diese Bedingungen erfüllt, können Sie zusammen mit ihren Partnern daran arbeiten, bei Rückständen nicht kollektiv zu resignieren, und bei Vorsprüngen diese auch gekonnt bis zum 13. Punkt zu verteidigen. Da die Stärken und Schwächen des Einzelnen den anderen Mitspielern bekannt sind, können bei Auftreten dieser Situationen die einzelnen Belastungen und Aufgaben gleichmäßig im Team verteilt werden.

 

Ist eine solche Offenheit und Klarheit gegeben, dann sollten Sie ihren Partnern unbedingt das zutrauen, was diese sich selbst zutrauen. Fallen Sie niemals ihrem Tireur beim Marsch in den Kreis in die Parade, denn sonst kann es passieren, daß dieser auf einmal, statt der gewohnten 60 %, nur noch 30 % oder weniger Trefferquote zustande bringt. Umgekehrt müssen Sie ihrem Pointeur auch in schwierigsten Momenten zutrauen, den Punkt zu gewinnen. Der höchste Vorsprung ist rasch geschmolzen, wenn diese gegenseitige Akzeptanz, dieses gegenseitige Vertrauen - auch nur für wenige Sekunden - nicht gegeben ist.

 

Neben Ihrer eigenen Ausgeglichenheit und Lockerheit (Unausgeglichenheit und Verkrampfung) müssen Sie beachten, daß auch ihr Partner mit derartigen Gefühlsregungen konfrontiert wird. In eindeutigen Spielsituationen sollten Sie nicht diskutieren, sondern sich selbst und ihrem Partner immer die notwendige Ruhe für den Wurf der nächsten Kugel gönnen. Sprechen Sie mit ihm ruhig auch einmal zwischen den einzelnen Würfen, aber nicht unbedingt über das Spiel. Ein Witz oder ein Hinweis auf irgendein Ereignis, der Austausch aktueller Neuigkeiten oder Fußballresultate ect., lenken kurzfristig ab, entspannen, lockern auf und dienen der Vorbereitung eines Spannungshochs.

 

Gerade ein hoher Rückstand kann nicht durch eine permanente (willentlich künstlich erzeugte) Hochspannung wettgemacht werden, da wir Menschen nur für wenige Sekunden 100 % physische und gleichzeitig psychische Hochleistung bringen können. Selbst ein austrainierter 400 m-Läufer absolviert keine gleichwertigen vier 100 m-Läufe, weil das aus physischer Sicht nicht möglich ist. Wenn Sie und ihr Partner akzeptieren, daß sie sich nur für wenige Sekunden lang jeweils vollwertig konzentrieren können, dann werden sie auch geeignete Mittel für die notwendige Entspannung/Anspannung zwischen den Würfen suchen und finden können.

 

Allerdings sollten sie beide einen solchen Wechsel von Entspannungs- und Anspannungsphasen suchen, der dem Vermögen ihrer Mannschaft auch angemessen ist. Wenn Sie einen Tireur im Team haben, der sich durch Gespräche gestört fühlt (und Sie wissen das aus vielen vorausgegangenen Spielen), dann sollten Sie diesen auch für die Besprechung bestimmter taktischer Maßnahmen nicht hinzuziehen: diskutieren Sie die Notwendigkeiten zuerst einmal unter Pointeur und Milieu. Übrigens rät auch ein Fazzino, immerhin dreimal Weltmeister im Pétanque, zu dieser Form der Absprache, damit der Schießer sich voll auf seine Aufgabe des Treffens konzentrieren kann und sich nicht zusätzlich - zudem im Triplette normalerweise äußerst überflüssig - mit Fragen des Legens auseinanderzusetzen hat.

 

In Stuttgart, während des Euro-Pétanque 1993, dirigierten beim späteren Vizeweltmeister die beiden jungen Spieler LeDantec und Loy das Spiel. Innerhalb von zwei Tagen, bei insgesamt neun Partien, äußerte sich Briand nur zweimal zu den Entscheidungen der beiden; ansonsten marschierte er in den Kreis, zielte, schoß und traf.

 

Das Spieltempo ihres Teams sollte grundsätzlich so gleichmäßig sein, daß für besondere Überlegungen immer noch Raum bleibt. Auch sollten Sie sich immer vergewissern, daß Sie und ihre Partner immer an der Lösung des gleichen Spielproblems arbeiten. Die konsequente Einhaltung von bestimmten Ritualen, wie das gemeinsame Abgehen der Strecke vom Kreis bis zur Sau, sich als Team - für alle deutlich sichtbar - zusammenzustellen, eine kurze Erklärung des nächsten Spielzuges durch denjenigen, der die nächste Kugel werfen soll, o.ä., können ihnen helfen, Rückstände aufzuholen und Vorsprünge erfolgreich zu verteidigen.

 

Beim Teamspiel im Doublette und Triplette ist eine weitere Variante zu beachten, die beim Tête-á-tête-Spiel unmöglich ist, der Positionswechsel. Bei Beobachtungen der nationalen und internationalen Pétanque-Szene fällt auf, daß bei uns ein Rollenwechsel fast ausschließlich erst dann in Betracht gezogen wird, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, eine Mannschaft also einem mehr oder minder hohen Rückstand hinterherjagt. International wird da mit einem ganz anderen Maß gemessen.

 

Bei den französischen Triplette-Meisterschaften 1989 in Macon wechselte das Team von Voisin, Fazzino und Amblard am Morgen des Finaltages im 1/8-Finale Tireur und Milieu aus - obwohl sie mit 10 zu 3 führten - weil ein Spieler, in diesem Fall Fazzino, nicht seine normale Leistung erreichte. Fazzino hatte vier Kugeln im Verlaufe der Partie verlegt - zuviel für den damals besten Spieler der Welt, zumal mit Amblard ein weiterer Alleskönner als Tireur fungierte. Nach dem Wechsel lief das Spiel der Equipe wie geschmiert und sie wurde auch unangefochten Französischer Meister.

 

Wenn ein Spieler einer Mannschaft nicht gut spielt, sollte auch bei einem Vorsprung darüber nachgedacht werden, ob ein Wechsel nicht sinnvoll wäre!

 

Bei der Weltmeisterschaft 1995 in Brüssel lag die Equipe Deutschland 2, in der Besetzung Hubert Arians, Kosta Konstantinidis und Stefan Bayer, im Nationen-Cup gegen Großbritannien in der Cadrage mit 3 zu 9 zurück. Durch den Wechsel des Tireurs auf die Legerposition, der Leger wurde zum Milieu und der Milieu zum Tireur, gelang dem Team ein völliger Neuanfang. Der Gegner war auf einmal chancenlos und es wurde noch mit 13 : 9 gewonnen. Dieser Umschwung war erfolgreich, weil das deutsche Team die Schußschwäche der Briten auf der Mittelposition ausnutzten, indem ab diesem Zeitpunkt vom deutschen Pointeur und seinem Milieu mindestens 3 von 4 Kugeln zwingend gelegt wurden, wodurch in jeder Aufnahme das gegnerische Team zu mehr als zwei Schüssen gezwungen war. Nach den beiden Treffern des gegnerischen Tireurs folgten dann meistens Löcher. Zudem traf der umpositionierte deutsche Tireur auch noch die wenigen Kugeln des Gegners, die dieser besser gespielt hatte.

 

Wenn hier über Positionswechsel als einem Mittel zur Verteidigung von Vorsprüngen und zum Aufholen von Rückständen gesprochen wird, dann setzt das natürlich voraus, daß die Mitglieder einer Mannschaft auf gleichem Niveau spielen. Andererseits muß jedoch vor dem Irrglauben gewarnt werden, ein Wechsel könne immer etwas bewirken. Teams, die ständig rotieren, machen es sich selbst oft schwer, es sei denn, sie verfügen über zwei Milieus im Doublette, die sich auch gegenseitig mit ihren Stärken (und Schwächen!) als Einheit verstehen. Dann kann, ähnlich wie bei Anfängern, jeder abwechselnd einmal eine Kugel spielen, je nachdem, wer von den beiden die jeweilige Aufgabe besser lösen kann.

 

Eine solche Spiel-/Verhaltensweise kann als eine äußerst raffinierte, taktisch-psychologische Variante verstanden werden: einer schießt und legt die nächste Kugel, um später - mit seiner letzten – wiederum zu schießen. So können Gegner – regelgerecht – verunsichert werden. Man läßt den Gegner darüber im Unklaren, wer am Ende einer Aufnahme noch eine Kugel zu spielen haben wird. Vielleicht hat sich der Gegner so sehr mit dieser Frage des scheinbaren Positionentauschens beschäftigt, daß er darüber sein eigenes Spiel vernachlässigt. So kann z.B. bei Rückständen versucht werden - aufgrund der Verunsicherung des Gegners - den eigenen Spielrhythmus wieder zu finden.

 

In einer jeden Mannschaft ist jede Position von gleicher Bedeutung! Niemand sollte an seiner Position kleben! Wenn aus der Legerposition heraus kein Druck ausgeübt werden kann, muß getauscht werden. Andererseits muß ein Mitspieler die Verantwortung des Schießens übernehmen, wenn der Gegner Punkt für Punkt macht, weil dessen eine gut gelegte Kugel pro Aufnahme vom ursprünglichen Tireur nicht entfernt werden konnte.

 

Verinnerlicht ein Team die Variante des Positionentausches als Normalität, können sicherlich manche Spiele mehr gewonnen werden als bisher.

 

Das Phänomen des Einbrechens bzw. des überraschenden Wiedererstarkens, ist mit dem Aufgeführten immer noch nicht erklärt! Vielleicht ist dieses auch nicht erklärbar, weil das Vorhandensein von "Anormalität" die Existenz von "Normalität" voraussetzt! Wer aber von uns kann schon behaupten, zu wissen, was "normal" ist!

 

Betreiben wir unseren Sport, unser Spiel, eine jede Aufnahme immer so, als wäre der nächste Punkt der 13. Siegpunkt! Oder ist dieses Ansinnen schon wieder anormal? Ich weiß es nicht!