Beschaffenheit der Kugeln

Die Oberfläche des Materials

Vom „Geist der Kugelwerfer“ haben schon viele Schreiberlinge berichtet, dem „Eigenleben der Kugeln“ allerdings wurde bisher nur sehr wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Woran liegt das? An der Hybris der Eisenwerfer, die meist ja auch als Fachautoren fungieren, an der Unfähigkeit des Menschen, sich in das gequälte Eisen hineinzuversetzen, an mangelndes Wissen über die Natur des Stahls oder einfach an unser aller Gedankenlosigkeit? Wir wissen es nicht.

 

Fakt ist, daß zwischen zwei Kugelarten unterschieden wird:

 

  • den rostenden Stahlrundlingen und
  • den nichtrostenden Edelstahlbällen.

 

Die erste Art zeigt schon nach wenigen Tagen oder Monaten ihr wahres Gesicht, ihren wahren Charakter. Denn wenn erst einmal der Lack ab ist - Verchromung, blaue oder schwarze Rostschutzfarbe – ändert dieser Spielball ständig seine Form und seine Farbe. Hierdurch zeigt er seinen Eigentümern, wie sie ihn behandelt haben.

 

Wer ständig seine eigenen Stahlkugeln auf andere wirft, wird dafür mit immer mehr Dellen bestraft (oder belohnt?). Wer seine Kugeln zu nahe am Schweinchen platziert, erfährt möglicherweise durch die gegnerischen Tireure eine ähnliche Strafe (oder Anerkennung?). Wer weder das eine, noch das andere tut, tut gemeinhin dem Spiel nicht gut, dafür jedoch bleiben seine Kugeln lange optisch edel und rund.

 

Die Lebenserwartung der rostenden Rundlinge liegt, je nach Härtegrad, Spielhäufigkeit und Spielniveau des Benutzers, zwischen ca. 1 und 25 Jahren. Weichere Kugeln (110 bis 120 kg/qmm – nach Bindell) von ambitionierten Spielern, wegen ihrer Eigenschaft, nicht so stark von anderen Kugeln und hartem Spieluntergrund abzuspringen, häufig bevorzugt, leben kürzer. Härtere Kugeln (mehr als 120 kg/qmm – nach Bindell), wegen ihres angeblichen und/oder realen ständigen Verspringens oft geächtet, leben länger.

 

Zweite ständige Variable ist der Rost, der sich auf der Kegeloberfläche von Carbonstahl leicht ansiedelt. Schon der ständige Transport in einem älteren Auto, dessen Dichtungen nicht mehr einwandfrei sind, beflügelt die Entwicklung der rotbraunen Patina. Auch der feuchte Putzlappen, in den manche Spieler ihre Eisen einwickeln oder der aggressive Handschweiß ängstlicher Pétanqueure können ebenso für diese Oberflächenvergrößerung verantwortlich sein. Schlimm werden die Auswirkungen, wenn jemand seine Kugeln im feuchten Herbstlaub liegen läßt. Im nächsten Frühjahr findet man meistens ausgefranste, löchrige Eisenreste wieder. Hierfür ist jedoch die Säure des Laubes verantwortlich. Viele Spieler lieben ihre Rostbeulen, weil diese auch bei kaltem Wetter gut in den Händen liegen und immer griffig sind.

 

Andere menschliche Naturen greifen allerdings lieber zur vermeintlich immer gleich bleibenden Edelstahlkugel. Vielleicht glaubt der eine oder andere, die teureren Kugeln müßten die besseren Kugeln sein. Die höheren Anteile von Edelmetallen machen die nicht rostenden Wurfeisen in der Tat teurer. Ob diese Kugeln deshalb besser sind, kann nicht verifiziert werden, weil subjektive Faktoren oft bestimmend sind.

Natürlich deformieren sich auch Edelstahlkugeln, doch scheinen die Abdrücke von Treffern schwächer als die in Carbonstahl zu sein. Die Haltbarkeit von solchen Kugeln ist nur unwesentlich höher als die der rostenden Modelle, weil die Schockwirkung der Eisentreffer bei diesem Material eher in die Breite geht. Auch für die immer silbern glänzenden Boules gilt, daß mit zunehmender Härte zwar deren Lebenserwartung steigt, aber auch das ungewollte Wegspringen von hartem Untergrund und fremden Kugeln nach einem Volltreffer. Für die meisten Amateure des Pétanque ist wahrscheinlich die annähernd gleiche Oberfläche der Edelstahlrundlinge von größter Bedeutung, weil der Spieler sich nicht ständig auf einen neuen, andersartigen Reiz in seiner Hand einstellen muß. Die Propagandisten des Überlieferten schimpfen hingegen auf die Erfindungen der Jetztzeit und schwören auf das gute alte Eisen, dem man seine Schlachten auf den Boule-Feldern ansieht. Loben die einen die Möglichkeit, die glänzenden, runden Silberlinge sanft aus der Hand abrollen lassen zu können, ohne von stärkeren Widerständen - wie ungleichmäßig verteiltem Rost – dabei gestört zu werden, klagen die anderen darüber, daß diese Kugeln einem aus der Hand rutschen.

Das Muster der Kugeln

Die Kugelmuster (französisch: striage) sind vielfältig. Auf den Spielplätzen sieht man jedoch immer mehr Kugeln ohne Rillen. Diese Tendenz zu glatten Kugeln hat sicherlich auch mit der Entwicklung des Spiels zu tun, das heute häufig (scheinbar) durch die Schußleistungen der Tireure entschieden wird. In diesem Zusammenhang wird oftmals großzügig darüber hinweggesehen, daß viele Terrains schießerfreundlich, d.h. mit einer dünnen Sand- oder Kiesschicht bedeckt sind, die es zulassen, die Schußkugel kurz vor der zu schießenden Kugel aufsetzen zu lassen. Der Pointeur hingegen wird immer weniger geachtet – jeder möchte ein großer Tireur sein!

 
  • Für das Schießen sind - objektiv gesehen – glatte Kugeln etwas besser geeignet, weil sie dazu beitragen, daß die Kugel die Hand gleichmäßig verläßt.
  • Der überzeugte Leger jedoch greift nach wie vor zu Kugeln mit Musterung. Nicht, weil diese viel besser an einem - nur noch mikroskopisch sichtbaren – Steinchen auf einem glatten Untergrund Halt finden, sondern weil sie leichter mit Effet versehen werden können.

Irritiert von all den glatten Kugeln benutzen bevorzugt Anfänger Kugeln mit Musterung, um die ihren schneller wieder zu finden. Nach einem Jahr, wenn der ehemalige Anfänger dann glaubt, das Spiel voll und ganz begriffen zu haben, werden dann die gemusterten Kugeln ausgemustert und gegen einen Satz glatter, dicker Profikugeln ersetzt. 

 

Eine Kugel mit weniger Linien

  • gleitet, wegen der geringeren Haftung, leichter aus der Hand heraus;
  • läßt sich beim Herausgleiten jedoch schwerer führen, d.h. mit Effet versehen, wegen der geringeren Haftung (s.o.);
  •  greift schlechter auf dem Boden, wegen der geringeren Oberfläche.