Tireur-Rituale

Da der Bewegungsablauf des Tireurs einen hohen Grad an Automatisierung erreicht, müssen die Ausgangsbedingungen für einen Schuß immer annähernd gleich sein. Deshalb sieht man bei guten Tireuren stets eine Art Ritual, das folgendermaßen ablaufen könnte:

 

Phase 1:

Zunächst beobachte ich das Tun des Gegners. Ich kann mich noch während des gegnerischen Spiels auf meinen Schuß vorbereiten, wenn das eintrifft, was ich vom Können des Gegners erwarte. So bin ich nie überrascht, wenn ein Schuß gefragt ist. Muß ich allerdings legen, nehme ich mir entsprechend mehr Zeit, um mich auf die veränderte Anforderung genügend konzentrieren zu können.

 

Phase 2:

Ich gehe vom Kreis aus die Entfernung zur Kugel ab, die zu schießen ist. So bekomme ich ein Gefühl für die Distanz.

 

Phase 3:

Sehe ich die zu schießende Gegnerkugel, betrachte ich die Lage der Kugel (Liegt sie etwa "preß" an der Sau?) und den Boden um die Kugel herum (Ist ein Stein vor der Kugel? Ist hinter der Kugel eine Mulde? Liegt die Kugel tief im Sand?) So erkenne ich, welche Schußvariante angebracht ist.

 

Phase 4:

Ich gehe, mich entspannend und konzentrierend, etwa 1 bis 2 m hinter den Kreis zurück, blicke über die Distanz zur Kugel (die jetzt etwas weiter aussieht), gehe in den Kreis (auf den Boden blickend), nehme die richtige Haltung ein, blicke nochmals auf die Kugel (die jetzt näher aussieht), bringe mich mit einer antizipierenden Ausholbewegung in die Feinhaltung, hole dann voll aus und schieße locker, aber mit Biß.

 

Phase 5:

Ich verfolge die Flugbahn der Kugel und das Ergebnis meines Schußversuches. Ist er erfolgreich, trete ich entspannt aus dem Kreis. War der Schuß ein "Loch", versuche ich, falls ich noch einmal schießen muß, zu reflektieren, warum der Schuß nicht getroffen hat. Ich wiederhole dann alles ab Phase 4, versuche die Korrektur in den Bewegungsablauf einzubauen. Den zweiten Schuß zögere ich nicht so lange hinaus, zu schnell vergesse ich alles, was ich mir für den anstehenden Schuß eingeprägt habe. Der zweite Schuß sollte locker und entspannt - aber mit besser konzentrierter Anspannung - ausgeführt werden wie der erste. Nicht den möglichen Ärger über einen Fehlschuß die Aktionsphase des zweiten Schusses hineintragen!

 

Der ästhetische Eindruck, den die Bewegungen hinterlassen, ist eng mit dem Eindruck der Selbstverständlichkeit und dem Gefühl der Leichtigkeit beim Zuschauer verbunden. Der ästhetische Eindruck leidet, wenn die Schwierigkeit der Bewegung deutlich wird, wenn die Anstrengung, die durch die Schwierigkeit hervorgerufen wird, bemerkbar ist. Es ist die gleichsam spielerische Bewältigung schwierigster Bewegungen, die an den Spitzenleistungen der Formbewegungen begeistert.

 

(Rolf Geßmann)